Ich bin aufgewachsen, wo die meisten Leute nur ein Sackgassenschild gesehen haben.
Hätten sie genauer hingesehen, hätte sich vor ihnen eine traumhafte Welt aufgetan.
Eine meiner Lieblingsgeschichten über unser Dorf war schon immer, dass wir keine Straßenlaternen hatten. Als welche angebracht werden sollten, stellten sich alle dagegen: „Damit man den Sternenhimmel besser sehen kann.“
Meine Kindheit war voller warmer Sommertage, an denen wir barfuß die Dorfstraße hoch und runter tobten.
Wenn man sie bis zum Ende geht, verläuft sich der Plattenweg noch heute in eine endlos weite Wiese, auf der man den schönsten Sonnenuntergang der Welt sehen kann. Wenn man auf einem der Heuballen sitzt und lange genug ins Orange guckt, vergisst man für einen Moment, dass die Welt sich weiterdreht.
Leider kann man hier nicht für immer sitzen.
Ich bin unter Schauspielern aufgewachsen, unter Musikern, Malern, Sängern und Fotografen. Kaum einer von ihnen hat die großen Bühnen der Welt gesehen, aber wer hat das schon.
Jede Tür stand immer offen. Wenn uns also langweilig war, klapperten wir der Reihe nach das Dorf ab, schauten, was alle Familien so machten, und gesellten uns dazu.
Als wir noch klein waren, begannen die Erwachsenen, ein Gemeindehaus zu bauen, aus Stein und Holz, inmitten des schönsten Gartens des ganzen Dorfes, umgeben von Gemüsebeeten und riesigen Sonnenblumen.
Sie bauten einen Steinofen ein und seitdem war jeden Mittwoch „Pizzaabend“.
Das ganze Dorf kam zusammen und befreundete Familien aus den Nachbardörfern kamen vorbei.
Im Sommer verbrachten alle den Abend im Garten, auf Bierbänken, getunkt in Kinderlachen, und im Winter saßen alle drinnen. Es roch nach Holz, Feuer und Wein.
Viel zu oft sind meine Schwester und ich aus dem Fenster auf dem Rang geklettert und hoch zu den Dachfenstern. Dort lagen wir dann und schauten runter auf den Raum voll mit Liebe.
Theaterstücke wurden aufgeführt, Konzerte wurden gespielt und an jedem Abend, an dem man an der „Kugel“ vorbeiging, war irgendwer gerade da, probte an irgendetwas oder saß zusammen und unterhielt sich.
„Ah, du kommst aus dem Künstlerdorf“, haben alle anderen Erwachsenen immer gesagt.
Ich habe schon damals gemerkt, dass das abwertend gemeint war. Und schon damals taten sie mir für ihre Blindheit leid.
„Wie in einer Seifenblase“, haben wir immer gesagt.
Bis wir erwachsen wurden und die Seifenblase platzte.
Je älter ich wurde, desto mehr wurden mir die negativen Seiten klar. Jeder hatte eine Meinung dazu, wer ich war und wer ich werden sollte. Und die behielten sie natürlich nicht für sich.
Es erdrückte mich.
Ich ging.
Heute wohne ich in einer Großstadt. Viele Stunden weit entfernt.
Manchmal laufe ich abends nach Hause und schaue mich um.
All diese kleinen Löcher, in denen Licht scheint.
In einem sitzt vielleicht gerade ein Mann, der alleine zu Abend isst. Jemand streitet. Jemand telefoniert mit seiner Mutter. Jemand sitzt auf dem Sofa und schaut eine Serie, während nebenan jemand gerade beschließt, sein Leben zu verändern.
Jedes kleine Kästchen beinhaltet so viel Leben.
Und irgendwie hat das etwas extrem Trauriges.
Auf der Suche nach Freiheit haben wir uns und unsere Leben in kleine Kästchen gequetscht, jeder für sich.
Morgens stehen wir auf, verlassen unsere vier Wände und abends betreten wir sie wieder.
Dazwischen bewegen wir uns durch eine Stadt voller Menschen, ohne dass sich unsere Wege jemals wirklich kreuzen.
Wir haben uns so erfolgreich unabhängig voneinander gemacht, dass wir inzwischen ziemlich viel Energie darauf verwenden müssen, wieder miteinander verbunden zu sein.
Wir tun oft so, als wäre Alleinsein der Normalzustand. Als müssten wir nur lernen, besser mit uns selbst klarzukommen.
Aber vielleicht ist es gar nicht so selbstverständlich, dass wir alles alleine tragen sollen.
Vielleicht sind wir einfach nicht dafür gemacht, dass jeder sein eigenes kleines Leben lebt, seine eigenen Probleme löst und abends hinter seiner eigenen Tür verschwindet.
Vielleicht fühlt sich heute deshalb so vieles so schwer an: weil wir versuchen, allein zurechtzukommen mit Dingen, für die wir nie allein gedacht waren.
Ich bin wohl das beste Beispiel für jemanden, der das Alleinsein gemeistert hat. Mein erstes Wort, das ich sprechen konnte, war „nein“ und das zweite „alleine“.
Und ich genieße meine Freiheit sehr.
Trotzdem habe ich in meiner Kindheit gespürt, wie sich das Leben noch anfühlen kann. Und alles in mir zieht mich wieder zu diesem Ursprung zurück.
Ich möchte damit nicht sagen, dass traditionelle Gemeinschaften automatisch besser waren oder sind. Gemeinschaft kann auffangen. Sie kann aber genauso kontrollieren. Sie kann Sicherheit geben und gleichzeitig bestimmen, wer man sein darf.
Individualismus, wie wir ihn leben dürfen, ist ein riesiges Privileg.
Aber ich komme nicht drum herum zu denken, dass Einsamkeit wohl der Preis ist, den wir dafür zahlen.
Also buchen wir Running-Clubs, gehen zu einem Sip-and-Paint, auf ein Afterwork-Event, in einen Buchclub. Und suchen nach diesem Gefühl von Gemeinschaft, das meist in dem Moment wieder vorbei ist, in dem wir wieder vor die Tür treten und jeder zurück nach Hause geht.
Es ist, als wäre ich in einem Paralleluniversum aufgewachsen, das mich nicht auf die Realität vorbereitet hat.
Und dafür bin ich dankbar.
Denn das ist keine Realität, die ich akzeptieren möchte.
